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Aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS)

Die aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS) stellt ein nicht-invasives neuromodulatorisches Verfahren dar, das zunehmend im Kontext postinfektiöser Syndrome wie Long COVID und ME/CFS diskutiert wird. Im Zentrum steht dabei die gezielte Stimulation eines kleinen, aber funktionell bedeutsamen Astes des Nervus vagus, der Teile der Ohrmuschel innerviert. Über diesen Zugang lässt sich das autonome Nervensystem beeinflussen, ohne dass ein chirurgischer Eingriff erforderlich ist. Der Vagusnerv ist ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems und übernimmt eine Schlüsselrolle bei der Regulation von Herzfrequenz, Entzündungsprozessen und zahlreichen vegetativen Funktionen. Ein Teil seiner sensiblen Fasern erreicht die Ohrmuschel, insbesondere die sogenannte Cymba conchae und angrenzende Bereiche. Wird dieser Bereich elektrisch stimuliert, werden afferente Signale in den Hirnstamm geleitet, genauer in den Nucleus tractus solitarius. Von dort bestehen weitreichende Verbindungen zu autonomen Regulationszentren, limbischen Strukturen sowie neuroendokrinen Systemen.

Ein besonders relevanter Mechanismus ist der sogenannte cholinerge antiinflammatorische Reflex. Über vagale Aktivität kann die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine gehemmt werden. Dieser Mechanismus ist deshalb von besonderem Interesse, weil bei Long COVID und ME/CFS häufig Hinweise auf eine chronische, niedriggradige Entzündungsaktivität bestehen. Die Stimulation des Vagusnervs könnte somit indirekt entzündungshemmend wirken. Darüber hinaus beeinflusst die aVNS die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Viele Betroffene zeigen eine reduzierte parasympathische Aktivität, was sich unter anderem in einer verminderten Herzfrequenzvariabilität widerspiegelt. Durch die Stimulation kann diese Balance potenziell normalisiert werden. Parallel dazu werden Effekte auf zentrale Neurotransmittersysteme diskutiert, insbesondere auf Noradrenalin und Serotonin, was wiederum Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Stimmung und kognitive Funktionen haben kann.

Die Anwendung der aVNS bei postinfektiösen Syndromen ergibt sich aus der Schnittmenge mehrerer pathophysiologischer Konzepte. Zum einen liegt häufig eine Dysautonomie vor, die sich in Form von orthostatischer Intoleranz, Tachykardie oder Kreislaufproblemen äußert. Zum anderen bestehen Hinweise auf neuroinflammatorische Prozesse sowie eine gestörte Kommunikation zwischen zentralem Nervensystem und Peripherie. Durch die Stimulation des Vagusnervs können diese Systeme gleichzeitig adressiert werden. Klinische Beobachtungen zeigen, dass ein Teil der Patientinnen und Patienten von einer Verbesserung der Fatigue, einer Stabilisierung des Kreislaufs sowie einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit berichtet. Die Effekte treten jedoch nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen auf, was die heterogene Natur dieser Erkrankungen widerspiegelt.

In der praktischen Umsetzung wird häufig ein handelsübliches TENS-Gerät verwendet, das mit speziellen Ohrclip-Elektroden kombiniert wird. Diese Clips werden an definierte Bereiche der Ohrmuschel angebracht, vorzugsweise an der Cymba conchae, da hier der Anteil vagaler Innervation besonders hoch ist. Alternativ können auch andere Regionen wie der Tragus genutzt werden, wobei die Effektivität je nach Position variieren kann. Nach dem Anbringen der Elektroden beginnt die eigentliche Stimulation. Das Gerät erzeugt elektrische Impulse, die über die Haut auf die darunterliegenden Nervenfasern übertragen werden. Entscheidend ist dabei die richtige Einstellung der Intensität. Die Stimulation sollte deutlich spürbar sein, typischerweise als Kribbeln oder leichtes Pulsieren, darf jedoch nicht schmerzhaft sein. Eine zu geringe Intensität führt möglicherweise zu keiner ausreichenden Aktivierung, während eine zu hohe Intensität unangenehm ist und die Compliance reduziert.

Die Wahl der Stimulationsparameter erfolgt derzeit überwiegend empirisch, da standardisierte Protokolle noch fehlen. In der Praxis haben sich mittlere Frequenzbereiche etabliert, häufig im Bereich von etwa 10 bis 30 Hertz, kombiniert mit kurzen Impulsbreiten im Mikrosekundenbereich. Die Anwendung erfolgt meist über Zeiträume von etwa 20 bis 60 Minuten pro Sitzung und wird ein- bis zweimal täglich durchgeführt. Einige Anwender bevorzugen intermittierende Stimulationsmuster, während andere eine kontinuierliche Stimulation einsetzen. Ein wichtiger praktischer Aspekt ist die schrittweise Gewöhnung an die Therapie. Zu Beginn empfiehlt sich eine kürzere Anwendungsdauer und eine niedrigere Intensität, um die individuelle Verträglichkeit zu testen. Im Verlauf kann die Stimulation vorsichtig gesteigert werden.

Die aurikuläre Vagusnervstimulation gilt insgesamt als gut verträglich, insbesondere im Vergleich zu invasiven Verfahren. Nebenwirkungen beschränken sich meist auf lokale Hautreaktionen oder ein vorübergehendes Kribbeln. In Einzelfällen kann es zu leichter Müdigkeit oder Schwindel kommen, was vermutlich mit der Aktivierung des parasympathischen Nervensystems zusammenhängt. Dennoch ist Vorsicht geboten bei bestimmten Vorerkrankungen, insbesondere bei kardialen Rhythmusstörungen oder bei Trägern implantierter elektrischer Geräte. In solchen Fällen sollte die Anwendung nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen.

Die aVNS ist kein isolierter Therapieansatz, sondern sollte als Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzepts verstanden werden. Ihre besondere Stärke liegt darin, mehrere pathophysiologische Ebenen gleichzeitig zu beeinflussen, nämlich das autonome Nervensystem, entzündliche Prozesse und zentrale neuronale Netzwerke. Aufgrund ihrer Nicht-Invasivität, relativ guten Verträglichkeit und der Möglichkeit zur eigenständigen Anwendung stellt sie eine attraktive Option dar, insbesondere für Patientinnen und Patienten mit ausgeprägter Dysautonomie oder vermuteter neuroinflammatorischer Beteiligung. Gleichzeitig ist zu betonen, dass die wissenschaftliche Evidenz noch begrenzt ist und weitere kontrollierte Studien erforderlich sind, um optimale Anwendungsprotokolle und Zielgruppen zu definieren.