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Low-Dose-Naltrexon (LDN)

Low-Dose-Naltrexon (LDN) bezeichnet die Anwendung von Naltrexon in Dosierungen zwischen etwa 0,5 und 4,5 mg täglich und unterscheidet sich grundlegend von der Standarddosierung (50 mg) zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit. Während hohe Dosierungen eine dauerhafte Opioidrezeptorblockade bewirken, führt die kurzzeitige Blockade in niedriger Dosierung zu einer kompensatorischen Hochregulation körpereigener Endorphine und Enkephaline. Gleichzeitig wirkt LDN unabhängig von den Opioidrezeptoren als Modulator der angeborenen Immunantwort.

Ein wesentlicher Wirkmechanismus besteht in der Hemmung der Mikrogliaaktivierung im zentralen Nervensystem. Aktivierte Mikrogliazellen spielen bei ME/CFS und Long COVID vermutlich eine zentrale Rolle für Neuroinflammation, Fatigue, Schmerzverstärkung und kognitive Einschränkungen. LDN hemmt unter anderem Toll-like-Rezeptor-4 (TLR4) auf Mikrogliazellen und reduziert dadurch die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine wie IL-1β, IL-6, TNF-α sowie verschiedener Chemokine. Gleichzeitig wird die Aktivierung des NF-κB-Signalwegs abgeschwächt und die Bildung neurotoxischer Sauerstoff- und Stickstoffradikale reduziert. Experimentelle Daten weisen darüber hinaus darauf hin, dass LDN die Funktion des TRPM3-Ionenkanals teilweise normalisieren könnte, dessen gestörte Aktivität bei ME/CFS und Long COVID beschrieben wurde.

Klinisch berichten zahlreiche Fallserien und Beobachtungsstudien über Verbesserungen von Fatigue, Post-Exertional Malaise (PEM), Schmerzen, Schlafqualität und „Brain Fog“. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse kommt zu dem Schluss, dass LDN bei Long COVID potenziell wirksam sein könnte, weist jedoch darauf hin, dass die Evidenz bislang ausschließlich auf kleinen Beobachtungsstudien beruht und randomisierte Studien noch fehlen.

Dosierung:
Aufgrund der häufig ausgeprägten Medikamentensensibilität von Patientinnen und Patienten mit ME/CFS sollte eine langsame Aufdosierung erfolgen. Bewährt hat sich ein Beginn mit 0,5 mg abends für 1 bis 2 Wochen, anschließend Steigerung auf 1 mg, danach in Schritten von 0,5 bis 1 mg alle 2 bis 4 Wochen bis zur individuellen Zieldosis. Die meisten Patientinnen und Patienten profitieren von maximal 4,5 mg einmal täglich, einzelne bereits von 1 bis 2 mg. Initial können lebhafte Träume, Schlafstörungen oder Unruhe auftreten, die meist vorübergehend sind. LDN darf nicht gleichzeitig mit Opioiden angewendet werden.

Low-Dose-Aripiprazol (LDA)

Aripiprazol ist ein sogenannter Dopamin-Systemstabilisator. Während Standarddosierungen von 10 bis 30 mg zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt werden, kommen bei ME/CFS und Long COVID Dosierungen von lediglich 0,1 bis 2 mg täglich zur Anwendung. In dieser niedrigen Dosierung unterscheidet sich das pharmakologische Wirkprofil deutlich von der psychiatrischen Standardtherapie.

Aripiprazol wirkt als partieller Agonist an Dopamin-D₂- und Serotonin-5-HT₁A-Rezeptoren sowie als Antagonist am 5-HT₂A-Rezeptor. Vermutlich führt die partielle Aktivierung dopaminerger Signalwege zu einer Normalisierung gestörter dopaminerger Neurotransmission im Frontalhirn und den Basalganglien, die bei Fatigue und kognitiven Einschränkungen eine wichtige Rolle spielt. Zusätzlich zeigen experimentelle Untersuchungen eine Hemmung aktivierter Mikrogliazellen mit verminderter Freisetzung von IL-1β, IL-6 und TNF-α sowie eine Abschwächung neuroinflammatorischer Prozesse. Dadurch könnten sowohl Fatigue als auch kognitive Symptome und sensorische Überempfindlichkeit günstig beeinflusst werden.

Eine vielbeachtete retrospektive Fallserie der Stanford University zeigte bei einem relevanten Teil der behandelten ME/CFS-Patientinnen und -Patienten Verbesserungen von Fatigue, Brain Fog, Schlafqualität und PEM. Kontrollierte randomisierte Studien stehen jedoch bislang noch aus.

Dosierung:
Aufgrund der hohen Empfindlichkeit vieler Betroffener wird mit 0,1 bis 0,25 mg täglich begonnen. Anschließend erfolgt eine langsame Steigerung um 0,25 mg alle 2 bis 4 Wochen entsprechend der individuellen Verträglichkeit. Die meisten Patientinnen und Patienten liegen im Bereich von 0,5 bis 2 mg täglich. Höhere Dosierungen führen häufig nicht zu einer besseren Wirksamkeit und erhöhen das Risiko unerwünschter Wirkungen wie Akathisie, Schlafstörungen oder innere Unruhe. Bei vielen Betroffenen zeigt sich ein therapeutischer Effekt erst nach mehreren Wochen.

Ivabradin

Ivabradin ist ein selektiver Hemmer des sogenannten If-(Funny)-Kanals (HCN4-Kanal) im Sinusknoten des Herzens. Durch die Blockade dieses Schrittmacherstroms wird ausschließlich die spontane Depolarisation der Sinusknotenzellen verlangsamt. Die Herzfrequenz sinkt, ohne dass Blutdruck, Myokardkontraktilität oder atrioventrikuläre Überleitung wesentlich beeinflusst werden.

Gerade bei Long COVID und ME/CFS mit posturalem orthostatischen Tachykardiesyndrom (POTS) oder inadäquater Sinustachykardie kann Ivabradin die ausgeprägte Herzfrequenzsteigerung beim Aufstehen wirksam reduzieren. Dadurch verbessert sich häufig die diastolische Füllungszeit des Herzens, das Schlagvolumen steigt an und die zerebrale Perfusion nimmt zu. Viele Patientinnen und Patienten berichten über eine Abnahme von Palpitationen, Schwindel, Belastungsintoleranz und Fatigue. Da Ivabradin den Blutdruck kaum senkt, stellt es insbesondere bei normotensiven oder hypotonen POTS-Patienten häufig eine günstige Alternative zu Betablockern dar.

Dosierung:
Begonnen wird meist mit 2,5 mg zweimal täglich. Je nach Herzfrequenz und Verträglichkeit kann nach 2 bis 4 Wochen auf 5 mg zweimal täglich gesteigert werden. In Einzelfällen werden 7,5 mg zweimal täglich eingesetzt. Angestrebt wird in Ruhe eine Herzfrequenz von etwa 60 bis 70/min. Häufigste Nebenwirkungen sind Bradykardie sowie vorübergehende Lichtphänomene (Phosphene). Kontraindiziert ist Ivabradin bei ausgeprägter Bradykardie, höhergradigem AV-Block und schwerer Herzinsuffizienz ohne Sinusrhythmus.

Pyridostigmin (Mestinon®)

Pyridostigmin ist ein reversibler Hemmer der Acetylcholinesterase. Durch die Hemmung des Enzyms steigt die Konzentration von Acetylcholin an cholinergen Synapsen sowohl im autonomen als auch im peripheren Nervensystem an. Dadurch wird die parasympathische Aktivität verstärkt und gleichzeitig die autonome Regulation verbessert.

Bei POTS verbessert Pyridostigmin vor allem die Ganglienübertragung im autonomen Nervensystem. Die verstärkte cholinerge Aktivierung führt zu einer besseren Gefäßregulation beim Aufstehen, einer Reduktion der orthostatischen Tachykardie und einer verbesserten venösen Rückstromsituation. Zusätzlich aktiviert Acetylcholin den sogenannten cholinergen antiinflammatorischen Reflex über den Nervus vagus. Dadurch kann die Produktion proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-1β und IL-6 gehemmt werden, was möglicherweise auch neuroinflammatorische Prozesse günstig beeinflusst.

Insbesondere Patientinnen und Patienten mit POTS, orthostatischer Intoleranz, gastrointestinaler Dysmotilität und ausgeprägter autonomer Dysfunktion profitieren häufig von Pyridostigmin. Verbesserungen betreffen vor allem Tachykardie, Schwindel, Belastbarkeit und teilweise auch Fatigue.

Dosierung:
Aufgrund der häufig erhöhten Medikamentensensibilität sollte die Therapie mit 15 bis 30 mg morgens begonnen werden. Anschließend erfolgt eine langsame Steigerung auf 30 bis 60 mg zwei- bis dreimal täglich. Die maximale Tagesdosis liegt bei den meisten Patientinnen und Patienten zwischen 180 und 240 mg, wird bei ME/CFS jedoch selten benötigt. Häufige Nebenwirkungen sind Bauchkrämpfe, Durchfall, vermehrtes Schwitzen und Speichelfluss, weshalb eine langsame Eindosierung empfohlen wird. Patienten mit ME/CFS reagieren häufig bereits auf deutlich niedrigere Dosierungen als in anderen Indikationen.

Nikotinpflaster bei postinfektiösen Syndromen

Die Anwendung von transdermalem Nikotin (Nikotinpflaster) wird in jüngerer Zeit als experimenteller Therapieansatz bei Long COVID und ME/CFS diskutiert. Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass Störungen des cholinergen Systems – insbesondere an muskarinischen Acetylcholinrezeptoren – eine zentrale Rolle bei autonomen Dysfunktionen und neuroimmunologischen Prozessen spielen könnten.

Im Kontext postinfektiöser Syndrome wurden Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) beschrieben. Dazu gehören unter anderem Antikörper gegen muskarinische Acetylcholinrezeptoren sowie adrenerge Rezeptoren. Diese sogenannten GPCR-Autoantikörper können die Signalübertragung im autonomen Nervensystem dysregulieren, was zu Symptomen wie Tachykardie, Durchblutungsstörungen, Fatigue und kognitiven Einschränkungen beitragen kann.

Nikotin wirkt als Agonist an nikotinischen Acetylcholinrezeptoren. Über diese Aktivierung kann es indirekt das cholinerge System modulieren und möglicherweise eine Art „funktionelle Gegenregulation“ zu den durch Autoantikörper gestörten Signalwegen darstellen. Zusätzlich wird ein Effekt auf den sogenannten cholinergen antiinflammatorischen Reflex diskutiert, der entzündliche Prozesse über den Vagusnerv reguliert.

Ein weiterer theoretischer Ansatz besteht darin, dass Nikotin die Rezeptorverfügbarkeit beeinflussen oder durch kompetitive Effekte die Bindung pathologischer Antikörper modulieren könnte. Diese Hypothesen sind jedoch bislang nicht abschließend experimentell bestätigt und basieren überwiegend auf pathophysiologischen Modellen und klinischen Beobachtungen.

Die ursprünglich von Dr. Marco Leitzke propagierte Anwendung basiert auf einer niedrig dosierten, schrittweisen Nikotinexposition über transdermale Pflaster. Ziel ist eine vorsichtige Modulation des autonomen Nervensystems bei gleichzeitiger Minimierung von Nebenwirkungen.

Die Therapie beginnt typischerweise mit sehr niedrigen Dosen, um die individuelle Verträglichkeit zu testen. Übliche Startdosen liegen im Bereich von 3,5 mg bis 7 mg Nikotin pro 24 Stunden. Je nach Verträglichkeit kann die Dosis schrittweise gesteigert werden. In der Praxis werden häufig Pflaster verwendet, die ursprünglich zur Rauchentwöhnung entwickelt wurden (zum Beispiel 7 mg, 14 mg, 21 mg), wobei diese teilweise geteilt oder zeitlich begrenzt getragen werden. Die Therapiedauer variiert stark und reicht von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen, abhängig von Symptomverlauf und individueller Reaktion.

Die korrekte Anwendung ist entscheidend für eine gleichmäßige Wirkstoffaufnahme und zur Vermeidung von Hautirritationen. Das Pflaster sollte auf eine saubere, trockene und unbehaarte Hautstelle aufgeklebt werden. Geeignete Körperregionen sind insbesondere Oberarm, Schulter, Rücken oder Hüfte. Wichtig ist, die Applikationsstelle täglich zu wechseln, um lokale Hautreaktionen zu minimieren. Nach dem Aufkleben wird das Pflaster für etwa 10 bis 20 Sekunden fest angedrückt, um eine gute Haftung sicherzustellen. Die Wirkstofffreisetzung erfolgt kontinuierlich über die Haut in den Blutkreislauf. Je nach Protokoll wird das Pflaster entweder über 24 Stunden getragen oder bereits nach kürzerer Zeit (z. B. 6 bis 12 Stunden) wieder entfernt, um Nebenwirkungen wie Schlafstörungen zu vermeiden.

Nach der transdermalen Aufnahme gelangt Nikotin in den systemischen Kreislauf und erreicht das zentrale sowie periphere Nervensystem. Dort bindet es an nikotinische Acetylcholinrezeptoren, die an zahlreichen regulatorischen Prozessen beteiligt sind. Die Aktivierung dieser Rezeptoren kann verschiedene Effekte auslösen. Dazu gehört eine Modulation der Neurotransmitterfreisetzung, insbesondere von Dopamin, Acetylcholin und Noradrenalin. Gleichzeitig wird eine Beeinflussung des autonomen Nervensystems angenommen, insbesondere im Sinne einer Stabilisierung der gestörten vegetativen Regulation.

Über den Vagusnerv kann zudem eine Hemmung proinflammatorischer Zytokine erfolgen, was als möglicher antiinflammatorischer Mechanismus diskutiert wird. Im Kontext der GPCR-Autoantikörper wird angenommen, dass Nikotin indirekt die durch diese Antikörper verursachte Dysregulation abschwächen könnte.

Die bisherigen Erkenntnisse zur Anwendung von Nikotinpflastern bei Long COVID und ME/CFS basieren überwiegend auf Fallberichten, kleinen Fallserien und Beobachtungsstudien. Einige Patientinnen und Patienten berichten über Verbesserungen in Fatigue und Belastbarkeit, kognitive Funktionen sowie autonomen Symptomen wie Tachykardie oder Schwindel. Allerdings zeigen sich auch heterogene Verläufe, und nicht alle Betroffenen profitieren von dieser Therapie. Randomisierte kontrollierte Studien liegen bislang nicht in ausreichendem Umfang vor, sodass die Evidenz als begrenzt einzustufen ist.

Nikotin ist ein pharmakologisch aktiver Stoff mit potenziellen Nebenwirkungen. Dazu gehören Übelkeit und Schwindel, Herzklopfen oder Blutdruckveränderungen, Schlafstörungen insbesondere bei nächtlicher Anwendung und Hautreizungen an der Applikationsstelle. Bei empfindlichen Personen oder zu hoher Dosierung kann es zu Überstimulation des autonomen Nervensystems kommen. Daher ist ein langsames Eindosieren essenziell.

Die Kontraindikationen für einen Therapieversuch mit Nikotinpflastern umfassen unter anderem     instabile kardiovaskuläre Erkrankungen, schwere Herzrhythmusstörungen und ein bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Nikotin.

Die Therapie mit Nikotinpflastern stellt einen innovativen, jedoch noch nicht ausreichend wissenschaftlich abgesicherten Ansatz in der Behandlung postinfektiöser Syndrome dar. Die zugrunde liegende Hypothese einer cholinergen Dysregulation durch GPCR-Autoantikörper ist biologisch plausibel und fügt sich in aktuelle Modelle zur Pathophysiologie von Long COVID und ME/CFS ein. Gleichzeitig ist zu betonen, dass es sich um einen Off-Label-Ansatz handelt, dessen Wirksamkeit individuell sehr unterschiedlich sein kann. Eine Anwendung sollte daher ausschließlich unter ärztlicher Begleitung erfolgen, idealerweise im Rahmen eines strukturierten Therapiekonzepts. Die weitere Forschung wird zeigen müssen, ob und für welche Patientengruppen dieser Ansatz langfristig einen gesicherten therapeutischen Nutzen bietet.